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Deutschland wird nicht nur älter – es wird rasant pflegebedürftiger. Der aktuelle Barmer-Pflegereport, über den unter anderem ntv berichtet, zeigt: Innerhalb weniger Jahre ist die Zahl der Pflegebedürftigen regelrecht explodiert.

2015 waren in Deutschland rund 3,0 Millionen Menschen als pflegebedürftig eingestuft. 2023 sind es bereits etwa 5,7 Millionen – fast eine Verdopplung in nur acht Jahren. Der Anteil an der Bevölkerung hat sich damit von gut 3 auf über 6 Prozent erhöht.

Vorsicht mit vorschnellen Urteilen

Um der Wahrheit zu ihrem Recht zu verhelfen, muss man hier aber berücksichtigen, dass nicht nur die demografische Welle diesen enormen Anstieg verursacht, sondern es sich zum großen Teil um Effekte der Pflegereform von 2017 handelt.  Mit Einführung der Pflegegrade und einem breiteren Verständnis von Pflegebedürftigkeit – insbesondere bei Demenz und psychischen Erkrankungen – kam es zu einem grundsätzlichen Systemwechsel: weg von den alten Pflegestufen (0 bis III) hin zu den fünf Pflegegraden. Während früher nahezu ausschließlich körperliche Einschränkungen zu einer Einstufung führten, werden seit 2017 auch geistige und kognitive Beeinträchtigungen, insbesondere demenzielle Erkrankungen, deutlich stärker bei der Vergabe von Leistungen der Pflegekasse berücksichtigt. Viele Menschen, die früher leer ausgegangen wären, erhalten heute endlich Unterstützung aus der Pflegeversicherung.

Die Zahlen zeichnen endlich nach, was für Familien längst Realität ist

Die Statistik holte damit nach, was in den Familien längst Realität war. Menschen, die früher durchs Raster gefallen sind, tauchen heute endlich als pflegebedürftig in den Zahlen auf. Realität ist auch, dass Rund 90 Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause leben, ein großer Teil von ihnen wird überwiegend durch Angehörige versorgt. Die offizielle Statistik bildet also das ab, was Familien seit Jahren spüren.- Pflege findet überwiegend in den eigenen vier Wänden statt – mit enormer körperlicher, psychischer und finanzieller Herausforderungen  und das zum größten Teil zu Lasten der Angehörigen.

Wer nun hofft, dass es sich nur um einen kurzfristigen Sprung handelt, den die Reform ausgelöst hat, der wird durch seriöse Langfristprognosen schnell eines Besseren belehrt. Das Statistische Bundesamt rechnet allein aufgrund der demografischen Entwicklung mit einem Anstieg von rund 5 Millionen Pflegebedürftigen Ende 2021 auf etwa 6,8 Millionen im Jahr 2055. Je nach Szenario werden bis 2070 sogar knapp 7 Millionen Pflegebedürftige erwartet.

Damit ist klar: Die aktuelle Verdopplung ist trotz statistischer Unschärfe kein Ausrutscher, sondern der Vorbote einer Entwicklung, die das Pflegesystem über Jahrzehnte hinweg unter Druck setzen wird.

Mehr Pflegebedürftigkeit bei mehr Leistungen bedeutet auch höhere Kosten

Mehr Pflegebedürftige bedeuten mehr Leistungen – und damit deutlich mehr Kosten. Schon heute geraten die Pflegekassen finanziell ins Wanken. Für die soziale Pflegeversicherung werden steigende Defizite gemeldet, die Leistungsausgaben steigen seit Jahren deutlich schneller als die Einnahmen.

Die Folge: Der Beitragssatz in der sozialen Pflegeversicherung wurde zum 1. Januar 2025 um 0,2 Prozentpunkte angehoben und liegt nun bei 3,6 Prozent. Für Kinderlose fällt zusätzlich der gesetzliche Zuschlag an. Diese Maßnahme wird ausdrücklich damit begründet, dass andernfalls einige Kassen in ernsthafte wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten könnten – und das, obwohl bereits mehrere Leistungsanpassungen und Reformpakete beschlossen wurden.

Prognosen renommierter Institute zeichnen ein noch drastischeres Bild: Setzt sich der Trend der vergangenen 20 Jahre fort, müsste der Beitragssatz für Versicherte ohne Kinder bereits 2030 bei knapp 6 Prozent liegen – und könnte sich bis 2040 nahezu verdoppeln. Parallel dazu steigen die Eigenanteile für Pflegebedürftige, insbesondere im Heim: 2025 liegen die durchschnittlichen Zuzahlungen für einen Pflegeheimplatz inklusive Unterkunft, Verpflegung und Investitionskosten bereits bei über 3.100 Euro monatlich. Zwar erhöhen die Pflegekassen mit zunehmender Aufenthaltsdauer schrittweise ihre Zuschüsse, doch der wirtschaftliche Druck auf die Einrichtungen nimmt trotzdem von Jahr zu Jahr zu – getrieben von steigenden Personal-, Energie- und Sachkosten. Der massive Fachkräftemangel verschärft die Lage zusätzlich. Die Zahl der Heimbetreiber, die aus wirtschaftlichen Gründen aufgeben und ihre Häuser schließen müssen, war in den vergangenen fünf Jahren so hoch wie nie zuvor.

Ohne strukturelle Änderungen ist die Pflege nicht langfristig zu schaffen

Man kann es nüchtern so zusammenfassen: Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen steigt schneller, als die Politik strukturell reagieren kann. Gleichzeitig wächst die Finanzierungslücke – und wird aktuell vor allem über Beitragserhöhungen und steigende Eigenanteile geschlossen. Das ist auf Dauer gesellschaftlich und politisch kaum tragfähig.

Ist die Situation also hoffnungslos? Nein – aber sie ist ernst. Und sie lässt sich nicht mit kosmetischen Korrekturen lösen, sondern nur mit einer echten Pflegereform 2.0. Was wäre dafür nötig?

  1. Eine ehrliche Neuordnung der Finanzierung. Die soziale Pflegeversicherung ist als Teilkasko-System angelegt, wurde aber politisch immer wieder mit zusätzlichen Aufgaben beladen. Eigenanteile für stationäre Pflege müssen begrenzt werden, etwa durch feste Obergrenzen oder zeitliche Staffelungen. Gleichzeitig gehören versicherungsfremde Leistungen in den Bundeshaushalt, nicht dauerhaft in die Kassen der Pflegeversicherung.

    Hier geht es darum, wie die Pflege in Deutschland überhaupt bezahlt wird.
    Die Pflegeversicherung ist eigentlich so gedacht wie eine Teilkasko: Sie übernimmt nur einen Teil der Kosten, den Rest zahlen Sie selbst (Eigenanteil). In den letzten Jahren hat die Politik der Pflegeversicherung aber immer mehr zusätzliche Aufgaben aufgeladen, die mit der direkten Pflege nur teilweise zu tun haben (Rentenbeiträge für pflegende Angehörige, Kosten rund um die Corona Pandemie u.v.m.).

    • Ihre Eigenanteile im Pflegeheim sollen eine klare Grenze bekommen (z. B. eine feste Höchstsumme oder eine Begrenzung in der Dauer), damit die Kosten für Sie nicht ins Unendliche steigen.
    • Dinge, die gesamtgesellschaftliche Aufgaben sind (z. B. bestimmte Sonderleistungen), sollen aus Steuergeldern bezahlt werden – also aus dem Bundeshaushalt – und nicht aus den Beiträgen der Pflegeversicherung, die Sie monatlich zahlen.
  2. Ergänzende kapitalgedeckte Bausteine. Viele Expertinnen und Experten plädieren dafür, die umlagefinanzierte Pflegeversicherung durch geförderte Zusatzbausteine zu ergänzen – beispielsweise über betriebliche oder private Pflegezusatzversicherungen. Ziel wäre, die steigenden Kosten langfristig auf mehr Schultern zu verteilen. Dabei darf jedoch nicht passieren, dass gute Absicherung zur Frage des Geldbeutels wird und Menschen mit geringem Einkommen weiter ins Hintertreffen geraten.

    Hier ist gemeint, dass die heutige Pflegeversicherung fast ausschließlich nach    dem Umlageprinzip funktioniert. Das Geld, das Sie und andere heute einzahlen, wird sofort wieder für die aktuellen Pflegefälle ausgegeben. Viele Fachleute schlagen vor, dieses System zu ergänzen durch zusätzliche Bausteine, bei denen Geld angespart wird (kapitalgedeckt), zum Beispiel:

    • betriebliche Pflegezusatzversicherungen über den Arbeitgeber,
    • private Pflegezusatzversicherungen, die vom Staat gefördert werden könnten.
    • Pflege-Sparpläne mit Zweckbindung

    Ziel: Die steigenden Pflegekosten sollen auf mehr Schultern verteilt werden. Wichtig ist dabei aber, dass eine gute Absicherung nicht nur für Menschen mit hohem Einkommen erreichbar ist. Wer wenig verdient, darf nicht automatisch schlechter abgesichert sein.

  3. Konsequente Prävention und Gesundheitsförderung. Jede Erkrankung, die wir hinauszögern oder abmildern, reduziert das Risiko späterer Pflegebedürftigkeit. Programme gegen Einsamkeit, Bewegungsmangel, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Demenz sind keine „nice to have“-Projekte, sondern ein zentraler Baustein gegen den Kollaps des Pflegesystems. Kommunen, Krankenkassen und Bund müssen hier deutlich ambitionierter werden.

    Jede Krankheit, die später auftritt oder abgemildert wird, verringert das Risiko, dass Sie Hier können verschiedenste Maßnahmen helfen:

    • Programme gegen Einsamkeit im Alter,
    • Angebote für Bewegung und Sport,
    • Vorbeugung und Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen,
    • frühe Erkennung und Betreuung bei Demenz,

    Das alles sollte nicht als nette Extras („nice to have“), sondern als zentrale Säule der Pflegepolitik verstanden werden. Gemeinden, Krankenkassen und der Bund sollen hier deutlich mehr tun, damit weniger Menschen überhaupt so pflegebedürftig werden, dass sie intensive Hilfe brauchen.

  4. Eine echte Personaloffensive. Ohne Pflegekräfte gibt es keine Pflege – weder im Heim noch zu Hause. Das bedeutet: bessere Arbeitsbedingungen, weniger Bürokratie, verlässliche Dienstpläne, angemessene Bezahlung und eine klare Strategie für die Gewinnung internationaler Fach- und Hilfskräfte. Wer an dieser Stelle spart, zahlt später doppelt: mit Versorgungslücken und ausgebrannten Angehörigen.

    Pflegekräfte brauchen gute Arbeitsbedingungen (z. B. verlässliche Dienstpläne, weniger Überstunden, Respekt und Perspektive)

    • weniger Bürokratie, damit mehr Zeit für die Menschen bleibt,
    • angemessene Bezahlung, die der Verantwortung des Berufs entspricht,
    • eine klare Strategie, um auch international Kräfte zu gewinnen – aber fair und nicht als Billiglösung.

    Wenn hier gespart wird, hat das unmittelbare Auswirkungen

    • weniger verfügbare Plätze,
    • schlechtere Versorgung,
    • überlastete Angehörige und Pflegekräfte.

    Wer die Personalproblematik heute verkennt, riskiert morgen Versorgungslücken

  5. Bürokratieabbau und Digitalisierung. Viele Fachleute – von Krankenkassen über den Medizinischen Dienst bis hin zu Verbänden – kritisieren den ausufernden Verwaltungsaufwand. Digitale Verfahren, standardisierte Dokumentation und schlankere Begutachtungen könnten enorme Ressourcen freisetzen, die direkt bei den Pflegebedürftigen ankommen.
    • mehr digitale Verfahren (z. B. elektronische Akten statt Papierordner),
    • einheitliche, einfache Formulare,
    • vereinfachte Begutachtung bei der Einstufung in Pflegegrade.

    Wenn das gelingt, werden viele Stunden frei, die dann direkt bei den Pflegebedürftigen ankommen – also bei Ihnen oder Ihren Angehörigen.

Frühzeitig darüber nachdenken – wieviel Betreuung will ich, wieviel Betreuung brauche ich, wieviel Betreuung kann ich?

Bei aller Systemkritik darf nicht vergessen werden, dass die Auswirkungen der aktuellen Entwicklungen ganz konkret in den Wohnzimmern und Küchen der Menschen spürbar sind. Für Pflegebedürftige und ihre Familien bedeutet das vor allem eins: Sie müssen sich früher und umfassender mit der eigenen Versorgung im Alter beschäftigen – und mit der Frage, wie viel Pflege sie sich leisten können und wollen.

Wer heute über Pflege nachdenkt, sollte frühzeitig prüfen, welche Leistungen die Pflegeversicherung tatsächlich übernimmt, welche Rolle Angehörige spielen können und welche Alternativen es gibt – etwa ambulante Dienste, Tagespflege, Kurzzeitpflege oder eine Betreuungskraft im eigenen Zuhause. Gerade häusliche Betreuung und sogenannte „24-Stunden-Betreuung“ können eine sinnvolle Alternative zum Heim sein, wenn sie gut geplant und seriös organisiert werden.

Die dramatisch steigende Zahl der Pflegebedürftigen ist ein Warnsignal. Wenn wir jetzt keine mutigen Entscheidungen treffen, wird die Pflegefinanzierung zu einem sozialen Dauerbrand – mit wachsenden Belastungen für Beitragszahler, Pflegebedürftige, Angehörige und Pflegekräfte. Noch ist Zeit, gegenzusteuern. Aber ein „Weiter so“ können wir uns weder menschlich noch finanziell leisten.

Weiterführende Quellen (Auswahl)